Wikipedia: Kann dort jeder schreiben, was er will?

Wikipedia ist mehr noch als Google und Facebook eine der beeindruckendsten Innovationen des Internets. Innert weniger Jahre gelang es der Online-Enzyklopädie die mehr als zweihundertjährige Tradition der gedruckten Enzyklopädien wie der Encyclopædia Britannica und des Brockhaus` zu beenden. Auch die Onlineversionen dieser Leuchtfeuer der europäischen Aufklärung spielen in einer Zeit, in der Google bei jeder Suchanfrage automatisch Informationen aus der Wikipedia zieht und uns in einer Box am rechten Bildschirmrand präsentiert, keine Rolle mehr.

Wikipedia ist die Informationsquelle unseres Alltags. Gibt es einen menschengemachten Klimawandel? Wie hoch ist der Eifelturm? Was ist ein Butterbrot? Zu diesen höchst kontroversen bis höchst trivialen Fragen präsentiert uns Wikipedia innert Sekunden Antworten, denen wir in aller Regel auch trauen. Erst wenn die Glaubwürdigkeit von Wikipedia explizit zur Sprache kommt, dann kommen uns Zweifel.

«Da kann doch jeder einfach schreiben, was er will» heisst es dann recht häufig. «Ohne ihren Namen zu nennen», wird dann noch nachgeschoben. Dabei basiert diese Kritik, wie in dem höchst tendenziösen Film «Die dunkle Seite der Wikipedia»  auf zwei über Jahrhunderte gewachsenen und etablierten Qualitätsstandards der Wissenschaft; die öffentliche Namensnennung und die Selektion durch Ausbildung und Prüfung. Diese traditionellen Kriterien – und eben dies ist revolutionäre an Revolutionen wie Wikipedia – greifen aber nicht mehr. Denn genau diese Kritikpunkte sind eben die Stärken der Wikipedia, und dass es in der Realität doch nicht ganz so ist, eine ihre Schwächen.

Eben diese Offenheit der Wikipedia sorgte dafür, dass sie nicht nur eine immense Grösse, sondern auch eine sehr hohe Qualität erreichen konnte. Während die Encyclopædia Britannica 2010 mit einer letzten Auflage von 32 Bänden eingestellt wurde, würde die deutsche Wikipedia derzeit 1294 Bände derselben Grösse umfassen. Qualitativ, dass haben Studien sowohl zur deutschen als auch zur englischen Wikipedia gezeigt, ist dabei die Einstellung der gedruckten Enzyklopädien kein Verlust. Obwohl es natürlich Ausnahmen gibt, liegt die Qualität der Wikipedia in etwa auf dem gleichen Niveau.

Erreicht wurde dies eben dadurch, dass die Wikipedia bei weiten nicht so anonym und offen ist, wie es auch gerne auf der Webseite selbst verbreitet wird. Dafür sorgen zum einem Bots. Diese Computerprogramme halten zum Beispiel Wikipedia frei von Vandalismus, schadhaften Änderungen an Artikeln. Eine weit grössere Rolle spielt aber die Beteiligung. In aller Regel stammen circa 50 Prozent eines Artikels von einem und 90 Prozent eines Artikels von einer kleinen Gruppe von vier bis fünf Autoren. Diese Autoren sind dabei häufig Experten auf ihrem Gebiet und auch nicht wirklich anonym. Zwar sind die wenigsten Wikipedianer unter ihren bürgerlichen Namen angemeldet, aber durch ihr Benutzerkonto verfügen sie über eine zweite Online-Identität, die sie sich über Jahre aufgebaut haben und mit der sie in der Benutzerhierarchie der Wikipedia aufgestiegen sind. Viele haben sich dort über die Jahre eine Reputation erarbeitet und sind für ihren Einsatz mit Preisen bedacht worden. Inzwischen hat sich so innerhalb der Wikipedia eine neue Elite gebildet, die ihre Macht von den Universitäten und der IT-Branche in die Wikipedia verlagert hat. Und dies ist der Preis der hohen Qualität.

Ihrem Anspruch, das gesamte Wissen der Welt zu repräsentieren, wird die Wikipedia hierdurch nicht gerecht und bestimmte Meinungen und Perspektiven gehen in der Wikipedia unter. So tragen deutlich weniger Frauen, je nach Wikipedia zwischen 3 und 17 Prozent, und deutlich weniger people of color zur Wikipedia als weisse Männer bei. Als Konsequenz sind Themen wir die afroamerikanische Geschichte oder bedeutende Frauen eher Randerscheinungen in der Wikipedia. Dies ist für eine Webseite, die uns das ganze Wissen der Welt zu präsentieren scheint, ein grosses Problem.

Philipp Adamik September 2018

Dieser Artikel erscheint am 4. Oktober in einer leicht geänderten Fassung im Schweizer Magazin Doppelpunkt.

 

 

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